Von ungebrochenen Traditionslinien und Bewahrern uralten Glaubens

Wo man auch hinschaut, jeder scheint sich auf seine ganz eigene, ungebrochene Traditionslinie zu berufen und sich somit in den heiligen Stand des "ich bin echter und heidnischer als du, weil meine Tradition schon seit gefühlt einer Million Jahren existiert." zu heben versucht.

Na gut, na gut. Ich übertreibe wieder mal masslos, alle machen das natürlich nicht, aber zumindest jene, die der Meinung sind, dass sie die Daseinsberechtigung ihres Glaubens irgendwie rechtfetigen müssten. Aber warum eigentlich? Warum wollen wir etwas wiederbeleben, von dem wir kaum wissen, wie es damals wirklich war? Warum wollen wir unbedingt etwas fortführen und "den alten Glauben" bewahren? Was haben wir denn davon und warum sollte dieser "alte Glaube" soviel besser sein als ein moderner? Ich glaube ein Teil hängt damit zu sammen, dass wir ein romantisiertes Bild dieser alten Welt haben.

Von weisen Ahnen, edlen Wilden und romantisierten Bildern
Ich gebe zu, dieses Bild vom Edlen Wilden hat schon was, es erscheint mutig, tragisch und fast schon lächerlich kitschig und wir Menschen lieben numal romantische Geschichten, das ist auch völlig in Ordnung. Doch selbst der idealisierte Edle Wilde, oder sagen wir verallgemeinert unsere Vorfahren waren keine unfehlbaren, erleuchteten Menschen, die auf alles die ultimative Antwort hatten und so viel weiser waren als wir es heute sind. Auch sie waren Menschen wie du und ich, die ihr bestmögliches Leben gelebt haben, die aber ebenso auch Fehler gemacht haben, etwas für eine Tatsache gehalten haben, von dem wir mittlerweile wissen, dass es eben nicht die ultimative Wahrheit ist. Das heisst nicht, dass wir unsere Ahnen nicht ehren, oder gewisse Dinge durch sie lernen dürfen, sondern schlichtweg, dass wir sie nicht künstlich zum ultimativen und unfehlbaren Vorbild emporheben sollten, wie dem des Edlen Wilden. Doch nicht nur in Sachen Ahnen, auch in Sachen Legitimität scheinen wir uns gerne auf vermeitlich uralte, ungebrochene Traditionslinien zu stützen, deren Beweise wir mal von hier und mal von da enlehnen um zu Beweisen, dass unser Glaube eine Daseinsberechtigung hat.

Der Forschergeist im Neuheidentum
Ja, es ist wahr, ein paar wenige Bruchstücke erfahren wir aus den Überbleibseln der Geschichte - doch diese sind, im Vergleich dessen wie der damalige (Glaubens-)Alltag wohl ausgesehen hat - eher minim. Und ja, es stimmt auch, dass das eine oder andere an Wissen in Bräuchen, in Sagen, ja sogar in Märchen überlebt hat, manchmal unter christlichem Dekmantel, manchmal bis heute ganz öffentlich als heidnisches Teufelszeug abgestempelt. Und ja, auch ich finde es spannend nach solchen Quellen, die, wenn wir es genau nehmen viel eher schlichte Hinweise sind, zu forschen. Denn es ist spannend zu sehen, was wir alles über unsere Vorfahren lernen können, doch sollte das wirklich ausschlaggebend dafür sein, ob wir einen heidnischen Glauben als legitim anerkennen oder nicht? Sollten wir solchen Hinweisen derart viel Macht darüber geben, wie wir heute leben und glauben dürfen?

Egal wie viele Hin- oder Beweise wir finden, von einer ungebrochenen Traditionslinie unserer Ahnen kann da  kaum die Rede sein. Warum manche allerdings wehement auf diese vermeintlich uralten, überlieferten  Traditionen bestehen bleibt mir ein Rätsel. Warum? Ganz einfach, macht irgendein Geschreibsel von irgendeinem lange verstorbenen eine Religion glaubwürdiger? ich finde nicht.

Müssen wir uns für unseren Glauben rechtfertigen?
Sich derart wehement auf prähistorische Beweise stützen zu wollen zeigt eigentlich eher, dass wir verzweifelt versuchen unserem Glauben eine Berechtigung zu geben, wo wir scheinbar der Meinung sind es gäbe ansonsten keine. Und ja, ich kann verstehen, dass wir in der Gesellschaft gerne als voll genommen werden wollen. Doch haben wir es wirklich nötig uns derart zu rechtfertigen? "Meine Reiligion ist legitim, weil es sie schon seit tausenden von jahren gibt" - wirklich? Wollen wir uns auf dieses wacklige Fundament stützen?

Zeit erwachsen zu werden
Ich persönlich bin der Meinung, dass wir uns nicht zu rechtfertigen brauchen. Wir dürfen unsere Lebensphilosophie in aller Ruhe ins nächste Level heben und sie mit allen Sinnen erleben und erfahren. Natürlich dürfen wir alte Bräuche weiterführen, natürlich dürfen wir die neusten Archäologischen Funde in Betracht ziehen, das ist gut und wichtig, doch sollten wir unseren Glauben nicht davon abhängig machen, wie viele empirische Beweise wir vorliegen haben. Schliesslich sollte die Religion nicht zur Wissenschaft mutieren, sondern sich höchstens gegenseitig unterstützen. Stattdessen sollten wir mit offenem Geist unsere ganz persönlichen Erfahrungen machen, uns darüber austauschen und über uns selbst hinauswachsen können - unabhängig davon ob das was wir glauben und leben ein dreitausen Jahre alter Mensch vor uns schon mal genauso praktiziert hat oder nicht.

Was ist denn so schlecht an einer neuzeitlichen, religiösen Bewegung, die naturverbunden mit beiden Beinen im Hier uns Jetzt lebt. Eine Bewegung, die es vermag alte und neue Traditionen zu verbinden, sodass ihr Glaube sich in der Moderne stets weiterentwickeln kann, ganz ohne das Wichtige aus den augen zu verlieren? Ein Bewegung, die den Mut hat und anerkennen kann, dass vielleicht nicht ganz alle früheren Praktiken so sinvoll waren, aber anstatt sich sinnentlehrt weiter darauf zu berufen, daraus lernen und wachsen kann? Also für mich klingt das schon mal ziemlich gut.

Was mich betrifft, ich bin dankbar und stolz eine moderne Heidin zu sein und finde, wir sind der lebende Beweis, dass unsere Glaubensrichtungen auch ohne uralte Überliferung absolut legitim sind. Denn nicht die alten Quellen machen uns zu dem was wir sind, sondern unsere eigens gemachten spirituellen Erfahrungen und die sehen für mich so aus, als hätten sie durchaus eine gute Zukunft vor sich.

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