Warum positive Gefühle nicht immer hilfreich sind

https://hbr.org/2016/11/3-ways-to-better-understand-your-emotions
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„Not all positive things are optimal.” - James Pawelski

Wie oft begegnen uns Ausdrücken wie "Think positive" oder "Mal doch nicht immer alles schwarz", während das, was wir als negative Gedanken oder Gefühle betrachten, in mancher Situation fast schon verpönt scheint. Wenn uns dann auch noch Begriffe wie zum Beispiel die Selbsterfüllene Prophezeiung begegnen, scheint es klar, wir können nicht glücklich sein, mit solchen Gedanken und den dazugehörigen negativen Gefühlen.

Es stimmt zwar, dass Menschen, die ihre Aufmerksam immer wieder bewusst auf positive Dinge in ihren Leben lenken, viel eher in der Lage sind, positives in ihrem Leben zu finden. Das hat allerdings weniger etwas damit zu tun, dass in ihrem Leben mehr positives geschieht, sondern viel mehr damit, dass ihr Gehirn geübter ist diese Dinge zu finden, als bei anderen. Rein evolutionstechnisch ist unser Gehirn nämlich eher darin geübt potentielle Gefahr zu erkennen, also das negative zu finden um dann, wenn nötig, das eigene Überleben zu sichern. Dieses Erkennen von Gefahr hatte also durchaus ihren Zweck. Auch heute haben solche Gedanken und Gefühle durchaus noch ihren Zweck. Hier sollten wir aber ganz klar differenzieren zwischen dem Erkennen von Gefahr, also für uns Schädlichem und ständiger Schwarzmalerei, also wenn wir einfach grundsätzlich eher pessimistisch veranlagt sind und daher auch eher das in unserem Alltag finden, was nicht gut läuft. Das Gute ist, auch wenn wir hardcore Pessimisten sein sollten, können wir lernen optimistischer zu werden. Dazu habe ich auf diesem Blog eine grosse Vielfalt an Inspirationen für dich, die dich dabei unterstützen deine Aufmerksamkeit zu trainieren, um das Gute einfacher zu erkennen.

In diesem Artikel will ich den Blick allerdings bewusst auf das richtigen, was wir uns oft gar nicht mehr erlauben. Sei es aus einem schlechten Gewissen heraus im Stil von  'negative Gefühle seien nicht gut' oder aus einer Angst heraus wie zum Beispiel, wenn wir angst haben aus einem Strudel negativer Gefühle nicht mehr herauszufinden. In beiden Varianten hat uns unser sogenannter innerer Kirtiker voll und ganz im Griff, wir beurteilen unser Verhalten und verurteilen es oft, weil wir glauben so, wie es gerade ist, dürfe es nicht sein. Die Wahrheit jedoch, könnte nicht ferner sein. Machen wir einen kurzen Ausflug in die Positive Psychologie.

Wie das positiv in der Positiven Psychologie zu verstehen ist

Als ich Ende 2018 damit begann mich intensiv mit Positiver Psychologie und deren Konzepten zu beschäftigen, war eine meiner grossen Fragen, wie denn nun dieses positiv in der Positiven Psychologie zu verstehen sei. Tatsächlich könnte man meinen, dass es eben damit zu tun hat möglichst immer gut gelaunt zu sein und somit ein gutes Leben zu führen. Doch dem ist nicht so. Die Positive Psychologie befasst sich mit der Erforschung dessen, was unser Leben grundsätzlich besser und lebenswert macht. Sie vermittelt jedoch keineswegs die Ansicht, dass das, was wir als negative Gefühle bezeichnen, aus dem Alltag auszuschliessen sei. Viel mehr geht es um die Fragen, wann welche Gefühle angemessen sind, im Sinne von: Welche Gefühle helfen mir im Moment am besten mit einer Situation umzugehen?

Gefühle sollen und dürfen authentisch gefühlt werden

Was geschieht also, wenn wir uns in einer Situation befinden, in der man beim besten Willen nicht positiv bleiben kann? Was, wenn man sich dabei jedoch immer wieder einredet, das sei doch alles gar nicht so schlimm und man müsse einfach nur positiv denken? Diese Stimme, die unseren vorhandenen Gefühlen ständig widerspricht, die doch eigentlich nur authentisch gefühlt werden wollen, wird in einer Situation wie dieser wohl kaum hilfreich sein. Wir dürfen traurig, wütend, ettäuscht, verzweifelt und deprimiert sein und wir dürfen diese Gefühle hemmungslos fühlen und unsere Emotionen ausleben, ohne uns dafür zu verurteilen.

Manchmal geschehen schreckliche Dinge. Nehmen wir die Krankheit eines geliebten Menschen als Beispiel. Wenn ich mich traurig fühle, dann sollte ich trauern dürfen, das hilft mir mit der Situation klarzukommen, sie zu verarbeiten und mich weiterzuentwickeln. Würde ich meine Trauer jedoch unterdrücken und mir einreden, ich müsse positiv denken, dann wäre ich nicht in der Lage meine Trauer zu verarbeiten - ich würde darin stecken bleiben, es verdrängen und das kann nicht gesund sein. Aber vorsicht! Jeder Mensch und jede Situation sind einzigartig, ich kenne Menschen, die nach dem Verlust einer Person ganz aufgelöst zu mir kamen und sagten: "Ich sollte trauern, aber ich fühle nichts, stimmt etwas nicht mit mir?" Immer dann, wenn wir glauben wir müssten uns in einer gewissen Situation auf eine bestimmte Weise verhalten, uns aber nicht so fühlen, neigen wir dazu es nur noch schlimmer zu machen. Warum? Nicht etwa, weil wir tatsächlich anders fühlen sollten, sondern weil wir uns für das was wir tatsächlich fühlen verurteilen.

Den Gefühlen Raum geben

Jeder geht anders mit Situationen um, wichtig dabei ist nur, dass wir ehrlich zu uns selbst sind. Wenn wir keine Trauer verspüren, sollten wir uns auch nicht dazu zwingen, oder umgekehrt. Wenn wir in einer Situaiton keine Freude fühlen, sollten wir auch nicht so tun als ob. Uns selbst einzureden wir sollten jetzt positiv denken, das wäre besser, es aber nicht verspüren, dann wird es uns auch nicht helfen. Hier geht es darum authentisch zu sein, sich selbst zu sein und seine Gefühle zu erforschen - ihnen Raum zu bieten um einfach sein zu dürfen.

Optimismus vs. Positiv Thinking

Ein gesundes und optimistisches Leben zu führen bedeutet daher nicht, die Welt nur noch durch eine rosarote Brille zu betrachten, realitätsfern zu leben und sich für alles, was nicht in die "think positive" Schiene passt, zu verurteilen. Es bedeutet auch nicht einfach alles hinzunehmen und nett zu lächeln. Ein optimistisches Leben zu führen bedeutet ein ausgeglichenes Leben zu führen, sich zu erlauben Gefühle anzunehmen wie in diesem Moment gerade sind und sie, wenn möglich, gar nicht zu be- oder gar verurteilen. Sondern sie einfach zu fühlen, so wie sie sind. Es bedeutet aber auch  sich Zeit zu nehmen, das eigene authentische Selbst kennezuerlenen und ihm erlauben sich zu entfalten - mit all seinen Gefühlen. Wenn wir das schaffen, dann können wir lernen unsere Krisen erfolgreich zu meistern, ohne uns nur vorzumachen es gehe uns gut. Wenn wir uns, statt aufs positive Denken auf den Optimismus fokussieren, dann sind wir in der Lage Lebenskrisen als das zu erkennen, was sie sind, als zwar äusserst mühsam, als anstrengend und schmerzhaft, aber eben auch als vorübergehend und als Möglichkeit des Wachstums.

Auch empfehlenswert: The "tyranny" of Positivity (englischer Artikel)




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