Ich bin wie du, nur heidnisch

Lieber Nichtheide, 

Zugegeben, je nachdem wer du bist, bin ich vielleicht schon nicht ganz wie du. Ausserdem ist jeder Mensch einzigartig, da wäre es sogar seltsam, wenn ich genau wie du wäre. Was ich damit sagen will ist, dass gelebtes Heidentum nichts mit einem weltfremden, rückständigen Leben zu tun hat und dass wir als menschliche Wesen wohl mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Natürlich gibt es Heiden die zu Aussteigern und fernab der Gesellschaft zum Selbstversorger werden möchten und natürlich gibt es auch solche, die ein völlig abgehobenes Leben führen, doch es gibt genauso viele Nichtheiden, die ebenso leben und das ist doch völlig okay, wenn es so für sie stimmt. Es ist doch wunderbar, dass wir alle die Freiheit haben unser Leben so zu gestalten, wie es sich für uns richtig anfühlt. Das Leben ist schliesslich bunt!

Trotzdem kann ich verstehen, dass es nach wie vor bestimmte Assoziationen und Vorurteile gegenüber heidnischen Lebensphilosophien gibt, denn vieles davon wurde über die Jahre durch Geschichten aus Büchern, und Filmen, aber auch über den Volksglauben in ein ganz bestimmtes, leider nicht immer sehr schönes Licht gerückt. Nicht zu vergessen die Könige der Sensation, die Presse, die es liebt Extreme zu zeigen und diese als Norm zu verkaufen – manchmal sogar erfolgreich. Da ist es dann, im Fernsehn, auf Youtube, in der Zeitung, das Bild des abgehobenen Esoterikers und der Skurrilen Hexe, die an alten "Humbug" glauben, oder - ÜBERRASCHUNG - das «Böse» anbeten.

Und nein, wir können dafür nicht die Presse verantwortlich machen, denn wir sind es, die ihnen die Sensation liefern, zumindest einige von uns. Genau da will ich ansetzen, nämlich beim Wort «einige». Ich will damit nicht sagen, dass skurille, exzentrische Heiden nichts in den Medien zu suchen hätten, sondern schlichtweg, dass auch die heidnische Welt, wie so oft, in Wahrheit viel bunter ist, als sie im Mainstream dargestellt wird. Blöde nur, und da zähle auch ich dazu, dass «wir anderen» schlichtweg kein besonders reges Interesse daran haben uns in der Presse zu zeigen, so bleibt das Bild logischerweise einseitig geprägt. 

Doch für einige Menschen sind solche „Quellen“ aus der Presse ausschlaggebend, ganz einfach weil sie scheinbar nur diese als Referenz zur Verfügung haben und ja, wenn wir uns nicht bewusst fürs Thema Heidentum interessieren und uns auf die Suche machen, dann bleibt es eben beim Bild, welches von diesen einseitigen Geschichten geprägt wurde, denn es gibt keine schillernden Leuchtreklamen oder gar Missionare, die einem das Wissen unter die Nase reiben. 

Wieder andere leben in einer Welt, die geprägt ist von schwarz und weiss, entweder oder. Es sind die, die ihren Horizont erweitern könnten, es aber nicht wollen. Wenn man ihrer Ansicht nach nicht so lebt wie sie und nicht das glaubt woran sie glauben, dann kann das ja wohl nicht gut kommen, für manche kommt man dann schnurstracks in die Hölle, für andere ist man sonst wie auf dem Holzweg. Und wenn sie dazu noch den Drang verspüren andere, ihrer Überzeugung nach, zum Glück zu zwingen, dann kann es mit dem respektvollen Zusammenleben rasch mal schwierig werden. 

Dabei wäre es doch so einfach: Leben und leben lassen, denn wie gross ist die Chance, dass die Lebensweise eines Fremden oder Bekannten die eigene derart beeinflusst, dass man seine persönliche Freiheit nicht mehr leben kann? Genau, die Chance ist äusserst gering. Doch die Angst vor dem Unbekannten, vor dem was man nicht versteht, lässt einen Schutzvorkehrungen treffen, nicht wahr? Nun, extreme gibt es überall, nicht nur im Glauben, doch zum Glück gibt es auch  viele weltoffene Menschen, Menschen wie du, lieber Nichtheide, die ihren Horizont erweitern.

Meiner Erfahrung nach können wunderbare, tiefgreifende und berührende Gespräche entstehen, wenn wir Interesse an unseren Mitmenschen zeigen, an ihrem Leben, ihrer Lebensphilosophie und das weit über den eigenen Glauben hinaus. In diesem respektvollen Ton bin ich immer bereit mich auszutauschen, denn wir können uns gegenseitig bereichern und wachsen. Wenn wir es schaffen uns gegenseitig die Angst vor dem anderen zu nehmen, können wir viel Gutes bewirken. Am Ende glaube ich sind wir uns, trotz Unterschiede, gar nicht so fremd, denn viele unserer tiefsten Wünsche sind sich sehr ähnlich. Warum das nächste Mal, wenn wir uns begegnen, nicht einfach mutig das Gespräch mit mir suchen? Denn ich bin wie du, nur heidnisch.

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