Jahreskreis und Jahreskreisfeste in moderner Naturspiritualität

Als einer der wichtigsten Bestandteile eines naturverbundenen, heidnischen Lebens ist das Leben im Einklang mit der Natur und dem Lauf der Jahreszeiten. Der klassische neuheidnische Jahreskreis besteht aus acht Festen, die zu einer jeweils besonderen Zeit im Jahr und mit Bezug zu einem bestimmten Thema wie zum Beispiel Sonnenwenden oder Tag- und Nachtgleichen, aber auch Mondphasen gefeiert werden.

Der klassische Aufbau der Feste, so wie wir sie heute im Neuheidentum kennen, wurde ursprünglich von Gerald Gardner in den 1950er Jahren geprägt und setzt sich aus vier ursprünglich keltischen geprägten Festen (Mondfeste) und weiteren vier ursprünglich germanischen geprägten Festen (Sonnenfeste) zusammen. Die Feste selbst entstammen jedoch vorchristlicher Traditionen und wurden durch Gardner schlichtweg auf neue Weise interpretiert und haben sich mit der Zeit im Neuheidentum weitläufig eingebürgert. Daher sollte auch die Einteilung in keltisch und germanisch nicht zu eng betrachtet werden, denn zum Beispiel auch die Kelten feierten nachweislich den Lauf der Sonne, nicht nur den des Mondes und kannten sehr wohl auch eigene, keltische Namen dafür, die ich weiter unten auch noch nennen werde.

An dieser Stelle ist es mir ausserdem wichtig zu erwähnen, dass nicht jeder moderne Heide die Feste genauso feiert wie hier beschrieben. Je nach spiritueller Richtung können die jeweiligen Bezeichnungen und dazugehörigen Traditionen also auch etwas voneinander abwechen.

Der Neuheidnische Jahreskreis

Die Feste unter der Lupe


Samhain (Halloween, Allerheiligen)
Das allseits bekannte Fest Halloween, abgeleitet von All Hallow’s Eve, was so viel heisst wie der Abend vor Allerheiligen, kennt man heute vor allem wegen des kommerzialisierten Festes aus den Vereinigten Staaten. Man könnte meinen kaum einer kennt mehr die wahre Bedeutung dieses Festes, obschon seine ursprüngliche Tradition viel älter ist, als oftmals angenommen.

Halloween oder Oidhche Shamhna wie das Fest noch heute im Neuirischen heisst, wovon im Übrigen auch die neuheidnische Bezeichnung Samhain stammt, trägt seine Wurzeln in keltischer Kultur. Schon damals wurde dieser Zeit im Jahr eine ganz besondere Atmosphäre zugeschrieben, es war der Beginn der dunklen Jahreshälfte, in der die Tage schon spürbar kürzer und die Nächte länger wurden. Die letzten Monate, in denen sich das Leben meist draussen abgespielt hat, sind nun vorbei. An ihre Stelle tritt das innere Leben, die ruhige Zeit im Jahr – unser Blick richtet sich nach innen. Sein Gegenstück im Jahreskreis ist Beltane (Walpurgis) im Wonnemonat Mai, bei dem die erschaffende, fruchtbare und vitale Seite des Lebens gefeiert wird, doch dazu später mehr.

Samhain hingegen zeigt uns die Vergängliche Seite, den Tod und das Unbekannte, vor dem wir uns gerne fürchten. Dennoch sollte dieses Totenfest nicht ausschliesslich als Trauerfest oder gar etwas Schlechtes verstanden werden, denn obschon wir um unsere verstorbenen Ahnen trauern dürfen, ist ein Verständnis für Werden und Vergehen als Kreislauf des Lebens ein ganz natürlicher Vorgang. Der Tod ist kein Ende, er ist Metamorphose und somit vor allem auch Neuanfang – ein Teil dieses Kreislaufs eben.

Mutter Natur wiederspiegelt diesen Prozess jedes Jahr von neuem. Es ist die Zeit der Ahnen und tiefen, erdverbundenen Zustände, aber auch die Zeit in der die Schleier zwischen Diesseits und Jenseits gelüftet sind und wir gegenseitig den ein oder anderen Blick in die uns ansonsten eher unbekannte Welt werfen können. Samhain zeigt uns unsere Schatten, das was wir oft am liebsten nicht anschauen würden – unsere Ängste. Zu Halloween schauen wir in den Spiegel, es ist das Tor zum Jenseits das uns zeigt woran wir arbeiten können. Welches Ängste wir uns anschauen und überwinden sollen. Obwohl Samhain also durchaus gruselig und angsteinflössend sein kann, lehrt und diese Angst sehr vieles über uns selbst. Wenn wir an unseren Inneren Dämonen, unseren Schatten arbeiten, dann können wir daran wachsen und gestärkt aus diesem symbolischen Tod herausgehen, wir können sozusagen neu geboren werden. 



Yule (Wintersonnenwende, Mittwinter, Alban Arthuan, Weihnachten)
Unzählige Traditionen und Winterbräuche haben es geschafft haben bis in unsere heutige Zeit zu überleben. Schon die vorchristlichen Kulturen, die Germanen Kelten und Römer haben dieser Zeit eine ungeheure Bedeutung beigemessen. Schon damals galt die Wintersonnenwende um den 21. Dezember als längste Nacht des Jahres als etwas Besonderes, das gefeiert wurde. Es war der Tag an dem die Sonne wiedergeboren wird, denn fortan würde das Licht Tag für Tag an Kraft gewinnen bis sie zur Sommersonnenwende wieder ihren Höhepunkt erreichen würde. 

Auch hier müssen wir uns der Tatsache bewusst werden, dass Mensch und Natur in früheren Zeiten eine Einheit waren, ohne die lebensspendende Kraft der Sonne war an ein Leben nicht zu denken. Kein Wunder also, dass die Sonnenwende ein freudiger Moment war, denn sie galt als Versprechen, dass das Licht und somit das Leben von nun an, wenn auch noch nicht deutlich sichtbar, wieder zurückkehren würde. Für die alten Germanen war dies deshalb die Zeit der Weihnachten, der geweihten Nächte. Im Gegensatz zum englischen Ausdruck „Christmas“, bei dem klar die Verbindung zu Christus zu erkennen ist, finden wir in der deutschen Sprache nach wie vor die ursprüngliche Meinung des Festes Es sind die gesegneten Tage, die Zeit in der uns der Geist der geweihten Nächte, der mit der Zeit die verschiedensten Namen trug, den Segen fürs kommende Jahr bringt.

Für die Römer galt die Sonnenwende als Fest des Sol Invictus (Unbesiegte Sonne) und bei den Skandinavier hiess das Fest ganz einfach Jul, wie in Schweden übrigens auch heute noch die Zeit der Weihnacht genannt wird. Sogar das berühmte Stonehenge in Grossbritannien ist nach dem Stand der Sonne ausgerichtet, so dass die Sonnenwende schon in früherer Zeit mit dessen Hilfe bestimmt werden konnte.



Imbolc (Tag der Hl. Brigid, Mariä Lichtmess)
Das Lichterfest oder auch Kerzenfest um den 2. Jahresvollmond erinnert daran, dass das Leben in der Natur zwar noch nicht physisch sichtbar ist, aber dennoch schon bald wieder zurückkehren wird. Traditionsgemäss finden zu dieser Zeit Feste wie der Karneval (bei uns in der Schweiz die Fasnacht) statt um die letzten, unerwünschten Wintergeister auszutreiben und den bevorstehenden Frühling willkommen zu heissen. Zu Imbolc, auch bekannt als Oimelc, gilt es daher alles für das bevorstehende Frühjahr zu reinigen und vorzubereiten. Es ist eine wichtige Fastenzeit, in der Körper und Geist gereinigt werden, aber natürlich auch eine Zeit, die sich hervorragend für den Frühjahrsputz eignet.



Ostara (Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche, Ostern)
Ostara, das Fest des Frühlings, der Fruchtbarkeit und somit auch Fest der Kreation schlechthin. Es findet zur Zeit der Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche statt, also an einem von zwei Tagen im Jahr, in dem Tag und Nach in perfekter Balance sind.

Die Herkunft des Namens Ostara ist allerdings bis heute nicht eindeutig geklärt. Jacob Grimm erwähnt in seinem Werk der Deutschen Mythologie eine Frühlingsgöttin mit Namen Ostara, wobei es seine These auf die Aussage des angelsächsischen Mönchs und Kirchenhistorikers Beda, der die Herkunft des englischen Wortes für Ostern, also Easter auf eine eben solche Göttin Eostrae zurückführt. Die heutige Wissenschaft jedoch bezweifelt anhand mangelnder Beweise, dass es diese Frühlingsgöttin jemals gegeben haben soll.

Dass auch Ostern, wie zum Beispiel Weihnachten, ein ursprünglich heidnisches Fest sein soll, stimmt also vermutlich nicht ganz. Ostern ist schon christlich, seine hiesigen Bräuche hingegen, die wir noch heute pflegen, passen dann aber doch nicht so ganz zum sonst so christlichen Osterfest. Denn was bitte sollen Hasen und Ostereier mit der Auferstehung Jesu Christi zu tun haben? Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit können wir demnach sagen, es gab auch zu den Tag- und Nachtlgeichen bestimmt Feste, die gefeiert wurden, nur lassen sie sich nicht mehr bis zu ihren Ursprüngen mitverfolgen. Aber widmen wir uns dennoch den alten Bräuchen zu.



Beltaine (Mai Feiertag, Walpurgisnacht)
Walpurgis ist die Hochzeit, also die Hohe Zeit, die gefeiert wird. Mancherorts ist diese Zeit auch als Maifeiertag bekannt, in heidnischen Kreisen kennt man dazu auch den Ausdruck Beltane oder Beltaine, der aus dem keltischen Wortschatz stammt und dem keltischen Sonnengott Belenus gewidmet ist. Er bedeutet soviel wie Strahlende Sonne.

Die Chrsiten haben diesen Tag der heiligen Walpurga gewidmet, er gilt aber auch als Tag der Hexen schlechthin. Es war das Fest an dem die Hexen auf den Blocksberg geflogen sein sollen um dort dem sündigen Treiben des Teufels beizuwohnen. Es stimmt schon, dass der Wonnemonat Mai für unsere heidnischen Vorfahren eine freudige Zeit gewesen war. Alles begann zu blühen, die Fülle des Lebens war endlich zurückgekehrt, was gefeiert werden wollte. Beltane steht im Gegensatz zum Samhain Fest, vor allem für erdige, physische Seite des Lebens. Nicht selten kamen da auch die berühmten Frühlingsgefühle auf und die jungen Paare verschwanden mal hier und mal da um ihre Liebe zu geniessen. Man kann sich vorstellen, diese physische Lust und Lebensfreude war den Kirchenleuten zuwider und was macht man da am besten? Man schürt die Angst des einfachen Volkes, indem man diese alten Feste verteufelte. Die Hexenfeste auf dem Blocksberg gab es daher wohl kaum und bald schon gab es auch die fröhlichen Maifeste nicht mehr, wie man sie von früher kannte.

Doch im Heidentum galt und gilt diese heilige Vermählung keineswegs als Sünde oder gar Teufelswerk. Sie ist - wie man vermuten kann - Göttlich und hoch geachtet. Sie gehört genauso zum Leben wie Geburt und Tod. Wenn Menschen aus Liebe zueinander finden und sich vereinen kann dies wohl kaum das Werk eines satanischen Wesens sein.

Wer dieses Fest jedoch ausschliesslich sexuellen Zwecken oder der Fortpflanzung zuschreibt, der irrt! Fruchtbarkeit ist weit mehr als das. Die Zeit um Beltane unterstützt alles, was erschaffen und im weitesten Sinne geboren werden kann. Kreativität, Leidenschaft, Intuition etc. Alles was uns dazu bewegt und inspiriert unser Leben zu gestalten, zu formen und zu erschaffen sollte dieses hohe Fest dazu nutzen diese Fruchtbarkeit zu verstärken. Beltane inspiriert uns dazu ganz bewusst und mit all unseren Sinnen durch die Welt zu gehen und zu erfahren, was wir im Stande sind zu erfahren – unseren Körper bewusst zu spüren. Dieses Verständnis ist wichtig um dem Wort „Fruchtbarkeit“ genügend Spielraum zu lassen.



Litha (Mittsommer, Sommersonnenwende)
Alles blüht und gedeiht zu Mittsommer, dem längsten Tag des Jahres, welche in heidnischen Kreisen auch unter dem Begriff Litha bekannt ist. Es ist also ein Fest der Sonne und kennt schon seit Menschengedenken die verschiedensten Bräuche und Traditionen. Gerade im Norden, in den Skandinavischen Ländern zum Beispiel, wo die Sonne zu dieser Zeit gar nicht mehr spürbar unter geht, findet noch heute der Mittsommardag (Mittsommertag) bzw. der Midsommarafton (Mittsommerabend) statt und zwar im grösseren Stil. Diese Nächte sind deshalb auch als "Weisse Nächte" bekannt und bergen, wie so oft, auch hier ihre kleinen, magischen Bräuche.



Lughnasadh (Lammas, Schnitterfest)
Als erstes von drei Erntedankfesten liegt Lughnasadh zu beginn der grossen Erntezeit. Das Was zu beginn des Jahres gesät würde, kann jetzt geerntet werden und das sind bei weitem nicht nur Nahrungsmittel, sonden auch geistige Ernten. Projekte, die seit Imbolc tief in unserem Inneren gewachsen sind und sich zu dieser Zeit entfalten dürfen. Gleichzeitig erinnert Lughnasadh als Schnitterfest aber auch an das Vergängliche. Das, was wir ernten, fällt uns zum Opfer - deshalb gilt dieses Fest auch als Erntedankfest. Geopfert wird heute traditionell der erste Leib Brot, den wir aus der neuen Ernte erschaffen. Auch sehr schön und ausführlich zu lesen ist da der Beitrag von Karmindra: Lughnasadh


Mabon (Alban Elued, Herbst-Tag-und-Nachtgleiche)
Traditionell wird das Fest mit einem üppigen Mahl begangen, bei dem häuptsächlich Speisen aus Äpfeln, Backwaren, aber auch rote Weine und Wild zubereitet. Ausserdem ist es das Äquivalent zu Ostara und somit das zweite Fest der Balance als Tag-und-Nachtgleiche.


Alles nur geklaut?

Tatsächlich sind die Parallelen zwischen christlichen und vorchristlichen Festen zum Teil schon sehr erstaunlich und ja, viele der christlichen Feste wurden wohl auf die eine oder andere Weise schon zur selben Zeit von früheren Kulturen gefeiert. Nicht abzustreiten ist ausserdem, dass viele vorchristliche Bräuche bis in die heutige Zeit überlebt haben, zwar oft unter christlichem Deckmantel, aber dennoch erkennbar. Allerdings ist es keine Seltenheit, dass alte Religionen in neue eingefügt werden. Gut zu beobachten war das zum Beispiel bei der Reiligion des Voudou, welches westafrikanische Spiritualität mit christlichem Glauben verbindet.


Zeitpunkt der Feste

Es gibt verschiedene Zeitpunkte die Feste zu feiern, manche feiern sie nach einem fixen Datum, andere nach dem Mond- bzw. Sonnenstand (siehe oben). Wichtig in Betracht zu ziehen ist ausserdem, dass in manchen heidnischen Kulturen der neue Tag nicht mit dem Morgen- sondern mit der Abenddämmerung des Vortages begann, manche feiern daher auch heute noch ihre Feste schon am Vorabend und nicht erst am Tag selbst.

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