Eine Frage der Perspektive: Von ultimativer Wahrheit und moderner Hexenverfolgung

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind. - Anaïs Nin
Dieser Satz begleitet mich in letzter Zeit immer mal wieder, denn wenn ich derzeit so durch Social Media stöbere, dann stellt es mir bei der einen oder anderen Nachricht die Nackenhaare auf. Nicht etwa wegen Corona, vielmehr wegen dem was drum herum geschieht. Dabei stellt sich mir die Frage, sind wir denn tatsächlich SO? Mit SO meine ich diese Agressivität, mit der manche ihren Mitmenschen begegnen. Mir fällt nämlich auf, dass vieles von dem, was an Gedanken und Äusserungen nicht in den Mainstream passt als Lüge, als Realitätsfern, als Verschwörungstheorie oder ähnliches abgetan wird. Stattdessen werden ein paar wenige als «echte Experten» nicht nur hoch gepriesen, sondern schon fast verehrt. Die all-eine Wahrheit sollen sie bereithalten - so scheint es hier und da zumindest - und ihnen wird vieles, von manchen auch alles praktisch blind geglaubt. Aber warum? Weil sie Experten sind, das beweisen schliesslich Ausbildung und Erfahrung – eben ihre Expertise. Und obwohl ich diese keinesfalls kleinreden will, halte ich es dennoch für fraglich  Experten einfach blind zu vertrauen, ihre eine Meinung als ultimative Wahrheit anzunehmen und alles andere, ohne auch nur im geringsten zu hinterfragen, als Unwahr zu betrachten. Solche Denkweisen haben unsere Menschheit schon in sehr gefährliche und durchaus abscheuliche Situationen geführt. Auch dort wurde den damaligen Experten blind vertraut und alles, was nicht in dieses Meinungsbild passte zum Schweigen gebracht. Menschen, die  ihre Meinung kundtun, eine Meinung, die kritisch hinterfragt, vielleicht auch mal einen anderen Blickwinkel, oder eine andere Wahrheit spricht, erfahren auch heute wieder eine Art moderne Version der altbekannten Hetze.

Gut zugegeben, neu ist das nicht - im Netz gibt es ja mittlerweile sogar den dafür verwendeten Begriff des Trolls,  der dieses Phänomen beschreibt und ja, natürlich kennen wir auch Begriffe wie Diffamierung, Mobbing oder noch etaws moderner ganz einfach Hater. Aber auch wenn die Begriffe modernen Ursprungs sein mögen, die Vorgehensweise ist dieselbe wie eh und jeh, nämlich die mundtot zu machen, die nicht ins "Schema" passen. Aber wäre es nicht viel eher wertvoll möglichst viele Sichtweisen zu haben? Haben wir denn nicht gelernt aus der Vergangenheit, in der Andersdenkende und Andersartige verhöhnt, verurteilt oder gar verfolgt wurden? Hinter diesem Hass steckt die Angst vor Kontrollverlust, wobei in diesem Fall eine kleine Sparte der Wissenschaft als Allheilmittel und einzige Wahrheit dargestellt wird, während für alles andere keinen Platz mehr zu sein scheint. Deshalb halte ich es erst recht für wichtig darüber zu sprechen, denn wir wissen wo uns Angst und Hass hinführt, das zeigt die Geschichte zur Genüge.

Dabei frage ich mich, was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn wir unseren Mitmenschen die Freiheit nehmen ihre Meinung zu äussern? Mir ist bewusst, das ist ein heikles Thema, welches nicht nur viel Fingerspitzengefühl erfordert, sondern auch viele Folgefragen aufwirft. Zum Beispiel, bis wohin soll Meinungfreiheit denn gehen dürfen? Müssen alle Meinungen wahr sein und was ist denn überhaupt Wahrheit und was nicht? Vor allem aber auch, wer entscheidet was wahr ist, und was der Gesellschaft als wahr präsentiert werden soll? Aber auch: wie wird mit dieser Wahrheit umgegangen?
"Geht es darum um die Wahrheit zu finden, oder geht es darum recht zu haben?"

Das Ding mit der ultimativen Wahrheit

Die Wahrheit ist, es gibt keine Wahrheit. Zumindest keine ultimative Wahrheit, denn ein jeder von uns sieht die Welt durch seine eigene, ganz persönlich gefärbte Brille. Man kann daher auch sagen, aus seiner Perspektive hat jeder recht. Ja sogar das, was oftmals als ultimative Wahrheit gepriesen wird - sei es, weil wir zum Beispiel etwas anhand wissenschaftlicher Mittel "beweisen" können - ist im Grunde genommen nichts anderes als eine aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtete Wahrheit. Die Wissenschaft ist deshalb so ein schönes Beispiel, weil sie versucht die Welt mit relativ simplen Mitteln und bestimmter Regeln  zu erklären. Das heisst aber nicht zwingend, dass sie die Wahrheit in ihrere Ganzheit zu beschreiben vermag, sondern lediglich das, was sich innerhalb dieser bestimmten Grenzen (Regeln) und mit Hilfe bestimmter Mittel herausfinden lässt.

Das scheinen manche zu vergessen, wenn es um die Frage geht, wer denn jetzt recht hat, wer mehr weiss und vor allem wer DIE Wahrheit kennt und somit das Sagen hat. Wenn ich mir unsere Geschichte so anschaue, dann fällt mir auf, wie oft der Anspruch auf ultimative Warheit als Machtmissbrauch gedient hat. Man denke nur mal ans 3. Reich, oder aber an die Zeit der Inquisition. Besonders weit entfernt scheinen wir da nicht mehr zu sein, wenn ich mir manche Aktionen so anschaue, die über die Medien, aber auch über Social Media stattfinden. Was mit die aktuelle Situation zeigt ist, dass niemand von uns - auch nicht die Spezialisten - die ultimative Wahrheit kennt, dennoch müssen wir als Gesellschaft, als Menschhheit irgendwie gemeinsam mit der Situation umgehen und dafür müssen wir von Zeit zu Zeit einfach den Sprung wagen, um nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und einander zu vertrauen, auch dann, wenn niemand von uns mit absoluter Sicherheit wissen kann, ob dies wirklich der beste Weg ist. Das ist ein Risiko? Ja, das versteht sich von selbst. Doch das Leben ist voller Risiken. Ob gewisse Massnahmen und Vorkehrungen gerechtfertigt sind?  Ich hoffe es, doch selbst wenn sie es nicht wären, es bringt uns nicht weiter nach einem Sündenbock zu suchen. Und dennoch scheint genau das zu geschehen, wenn alles, was dem aktuellen Weg nicht entspricht. Weiter bringt uns diese altbekannte Manier jedoch nicht. Was uns hingegen weiterbringt, ist den Mut zu haben es auszuprobieren, vor allem aber auch, dass wir aus unseren Fehlern für eine bessere Zukunft lernen und um möglichst viel zu lernen, sind alle Meinungen, alle Blickwinkel und Theorien wertvoll - auch dann, wenn sie nicht in den Mainstream, oder in unser eigenes Weltbild passen.

Die Welt ist nicht nur schwarz-weiss

Da wäre nur noch ein Problem, in Krisensituationen nimmt das schwarz-weiss-Denken, das entweder oder immer stark zu. Das ist auch in dieser Krise nicht anders. Doch das gute ist, wenn wir uns dessen bewusst werden, dann können wir unsere Denkweise auch bewusst verändern. Wir können gezielt verschiedenen Perspektiven einnehmen und unsere Scheuklappen entfernen, oder zumindest erweitern. Bunt denken ist also angesagt! Informieren, aber eben aus mehreren perspektiven - möglichst unvoreingenommen. Ich weiss das ist nicht einfach und nein, auch dann werden wir am ende selbstverständlich unsere persönlcihe Weltsichtbrille nicht ganz los. Es hilft uns aber dabei mehr zu lernen, als noch zuvor mit ganz engen Scheuklappen und es hilft uns auch dabei unsere Mitmenschen mitsamt ihrer Einzigartigkeit anzunehmen -selbst dann, wenn unsere Sicht der Dinge eine andere ist.

0 Comentarios