Chaos.


In der griechischen Mythologie fungiert das Wort Chaos als Gegenbegriff zu Kosmos, dem Begriff für die Ordnung des Universums. Etymologisch betrachtet, kann man dem Begriff etwa mit „gähnende Leere“ oder "Kluft" übersetzen. Chaos wird als Urzustand der Welt angesehen, aus dem erst später unsere Welt, wie wir sie heute kennen, entstand. Auch in der nordischen Mythologie gibt es diseses Bild der gähnenden Leere am Anfang des Weltgeschens, dort nennt man sie Ginnungagap - "gähnende Schlucht".

Warum ich gerade jetzt von Chaos spreche? Weil es wohl kaum einen besseren Zeitpunkt dafür gibt, denn die momentane Zeitqualität entspricht durchaus der Zeitqualität dieser gähnenden Leere, dieses scheinbar heillosen Durcheinanders und, ob uns das bewusst ist oder nicht, wir spüren es. Vielen macht diese Zeitqualität verständlicherweise Angst. Die Unwissenheit, der Verlust des Gefühls von Sicherheit oder schlichtweg die Angst vor einer "neuen" Zukunft. Schliesslich haben wir bisher im Irrglauben gelebt, wir hätten die Kontrolle über zukünftiges Geschehen. Sei es die Vorhersage des Wetters, Prognosen über Krankheit und Genesung, ja teilweise sogar über den Tod. was merken wir jetzt, in dieser Zeit? Genau, wir wissen in Wahrheit wohl in etwa soviel wie ein Fliegenschiss ... entschudlige den Ausdruck. Das alles arbeitet mit unseren tiefsten Schatten, mit unseren tiefsten Ängsten und bisher fein säuberlich verstauten Ungeliebtheiten. Im Chaos hat all das keine Chance mehr versteht zu bleiben, sondern alles wird an der Oberfläche sichtbar. Keine schönen Schubladen, kein Verstecken mehr. Nur noch Ungeschöntes.

Anfang diesen Jahres habe ich dem Tod in die Augen geblickt und das vermutlich leichtsinniger, als ich es hätte tun sollen. Daraus habe ich meine Lehren gezogen. Chaos in mir und um mich herum, viel Schmerz und Leid, viele Hilfeschreie und nein, damit meine ich längst nicht nur ein uns mittlerweile längst bekanntes Virus. Wir neigen manchmal dazu zu vergessen, dass uns nach wie vor auch andere Schicksale treffen, die nicht weniger tragisch sind. 

Doch machen wir einen Schritt zurück, aus der Mitte der Geschehens heraus und erlauben uns einen Perspektivenwechsel. Warum existiert in unserem Universuch denn überhaupt Chaos? Chaos ist der Ort, an dem sich alles sammelt, scheinbar eben auf chaotische, ungeordnete Weise. Doch was erlaubt uns das? Wenn wir unseren Fokus auf die Chancen in dieser Zeit legen, dann fällt auf, dass in dieser Zeitqualität vieles Möglich ist, was ansonsten nicht möglich wäre. Chaos erlaubt der Welt, oder auch uns selbst sich neu zu ordnen, neu zu orientieren und schlussendlich weiter zu wachsen. Angenehm ist es nicht - zugegeben - dennoch ist das Chaos wohl von Zeit zu Zeit nötig um etwas zu erschaffen. Unser Hirn glaubt oft, dass das, was wir nicht fassen, nicht einordnen und steuern können schlecht ist. Doch was ist, wenn uns etwas besseres erwartet? Etwas, von dem wir bisher noch nicht mal zu träumen gewagt hatten?

Erst gestern wurde mir in einem sehr emotionalen Gespräch einmal mehr bewusst, was diese Urkräfte alles in uns wachrufen können - im Guten wie im Schlechten. Sich selbst einzugestehen, dass wir nicht alles beeinflussen und steuern können, dass wir in manchem nur sehr wenig, bis vielleicht gar keine Macht haben, ist hart. Was aber, wenn wir aufhören gegen dieses Chaos anzukämpfen, es stattdessen annehmen und einfach mal schauen, was sich uns dadurch eröffnet? Was, wenn wir der besten und schönsten Möglichkeit damit ein Tor öffnen sich zu entfalten?

Einen guten Start in die Woche wünsche ich dir.


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