Momente des Wu-Wei


Vor kurzem bin ich mit jemandem in Konflikt geraten und wie es bei Konflikten eben gerne geschieht, hat sich dieser immer mehr hinaufgeschaukelt, bis unsere Emotionen einen Höchstpunkt erreicht hatten und alles aus uns herausgeplatzt ist. Ich habe mich danach lange selbstreflektiert, durfte es dankbarerweise sogar gleich noch in einen meiner monatlichen Berichte für die Schule mit einfliessen lassen und dort auch noch anschauen, sodass ich viel daraus ziehen, lernen und wachsen konnte. Spannenderweise ist mir in dieser Zeit ein Begriff in die Hände gefallen, dem ich von Jahren schon mal begegnet war, mit dem ich mich bisher jedoch noch nicht intensiv befasst hatte. 

Wu-Wei

Dieser  Begriff nennt sich Wu-Wei. Wu-Wei ist ein Prinzip des Daoismus des alten Chinas und wurde ursprünglich durch den Philosophen Laotse geprägt. Dieser nahm die Probleme der Menschen nicht als einmalige Phänomene in der Geschichte wahr, sondern viel mehr als Kräfte, die sich im Laufe der Geschichte der Menschen immer wiederholen.

Vom Handeln und nicht Handeln

Im Gegensatz zum Yu-Wei, dem aktiven Handeln, welches alles bewegt und belebt, bringt das Wu-Wei, das nicht Handeln alles zurück zu seinem Ursprung und in die Ruhe. Oder anders geasgt, Wu-Wei erkennt die Welt an, wie sie ist. Am Ende braucht es für den Ausgleich jedoch beides, also sowohl das Yu-Wei als auch das Wu-Wei.

In unserer Gesellschaft erleben wir oft einen starken Fokus aufs Yu-Wei. Sehr viel Handlung - im Guten wie auch im Schlechten - von welcher Seite wir es sehen und werten ist eine sehr persönliche Sache. Doch wird dabei das Wu-Wei gerne mal aussen vor gelassen. Warum? Nun dafür gibt es viele Gründe, einer jedoch ist, dass in unserer Philosophie Nichtstun mit Faulsein und das wiederum mit etwas Negativem in Verbindung gebracht wird. Dies zeigt jedoch nur, dass wir kein tatsächliches Verständnis für Wu-Wei haben und ich bin der Ansicht, das sollten wir ändern, denn Wu-Wei ist ein wertvolles und wichtiges Prinzip. Gerade auch damit wir Westler mehr Ausgleich in unser Leben einladen können.

Wu-Wei richtig verstehen

Um das Prinzip des Wu-Wei besser verstehen zu können, müssen wir es erst noch genauer anschauen, was denn überhaupt sein Ziel ist? Wu-Wei soll dem Menschen erlauben sich aus beengten Wertesystemen zu befreien, die ein jeder von uns hat. Doch sollten wir dieses Nicht Handeln, wie eben schon erwähnt, nicht verwechseln mit Faulheit oder gar Schwäche. Ganz im Gegenteil, Wu-Wei ist gemäss Daoismus einer der nobelsten Wege und Taten - richtig gelesen Taten. Denn es ist der Weg des nicht eingreifenden Handelns, dennoch bleibt nichts ungetan.

Ja, das ist das scheinbare Paradox des Wu-Wei, aber eben nur, solange wir noch kein wirkliches Verständnis dafür haben. Gemeint ist damit nämlich weniger, dass keine Handlung stattfindet, als vielmehr, dass ein müheloses Tun stattfindet. Es meint im Flow sein, im Frieden sein, und den Weg des geringten Widerstandes zu wählen, während wir tun oder handeln. Falls du bei der Aussage "keinen Widerstand leisten" erst mal schlucken musst, tue es. Auch ich musste mich erst damit anfreunden und verstehen lernen, wo es wichtig ist dem Yu-Wei den Vortritt zu lassen und wo es wertvoller sein kann dem Wu-Wei seinen Lauf zu lassen. 

Wu-Wei in der Praxis

Was mir sehr dabei geholfen hat abzuwägen, wann was angebracht ist, ist zum einen das Verständnis um meine Triggerpunkte. Zum anderen aber auch das bewuste Wahrnehmen, das achtsame Wahrnehmen der eigenen inneren Welt allgeimein - also meiner Gefühle und Emotionen. Will heissen, sogar oder gerade während eines Konfliktes immer mal wieder meine Gefühle abzuklären, kurz in mich zu horchen, was gehört zu mir, was zur anderen Person? Welche Gefühle und Emotionen sind wem und diese als das zu akzeptieren, was sie sind - angenehm oder unangenehm. Dabe ist es wichtig möglichst nicht über die eigenen Emotionen zu werten, sondern sich klar zu sagen, sie haben durchaus ihre Berechtigung hier zu sein. Die Frage allerdings lautet, ist gerade der richtige Zeitpunkt für Yu-Wei oder für Wu-Wei? Ein Konflikt wird in der Regel immer von sehr viel Widerstand begleitet (sei es durchs Angreifen oder durchs Abwehren von Sichtweisen). Widerstand, der in einem solchen Fall nur höchst selten zum Ziel führt. Warum? Weil wir eben gegen den natürlichen Fluss agieren. Durch den Konflikt entsteht Reibung, was wir aber eigentlich suchen ist Entspannung, denn nur in dieser sind wir bereit einander ehrlich zuzuhören, uns in den anderen hineinzuversetzen und gleichzeitig das auszudrücken, was uns wichtig ist.

Wenn wir diesen Widerstand jedoch nicht erkennen, dann sind die Chancen gross, dass wir aneinander geraten und dass sich ein Konflikt immer mehr hochschaukelt bis er aus den Fugen gerät. Aus diesem Grund ist das "Abchecken der Gefühle" so wertvoll, denn wenn wir den Widerstand der Situation erkennen, erhalten wir automatisch neue Handlungsmöglichkeiten. Dadurch können wir uns bewusst entscheiden, ob Wu-Wei uns nicht viel eher ans Ziel führen könnte? Und nur damit wir uns hier völlig richtig verstehen. Wu-Wei bedeutet nicht einfach hinzunehmen, dass uns jemand Anderes Schaden zufügt - sozusagen die andere Wange auch noch hinzuhalten. Wu-Wei bedeutet eine bewusste Entscheidung zu treffen, ob in diesem Fall Handlung (Yu-Wei) zum Ziel führt oder Wu-Wei. Wenn wir es schaffen dieses Bewusstsein ins JETZT zu holen, sind wir in der Lage uns immer mehr vorzutasten, die Widerstände abzutasten und bewusst dem Weg des geringsten Widerstandes folgen, oder anders gesagt, dem Wu-Wei eben seinen Lauf lassen.

Das ist zugegebenermassen nicht immer einfach. Wie im Beispiel zu Beginn erwähnt schaffe auch ich es nicht immer, doch erhalten wir alle genügend Gelegenheiten immer wieder daran zu arbeiten und je mehr wir üben, desto besser werden wir darin.


Was Wu-Wei mit dem Fluss zu tun hat

Wenn wir das Thema aus einer nochmals anderen Perspektive betrachten wollen, dann hat Wu-Wei etwas mit dem Fluss des Lebens zu tun und somit ist das Bild des Wassers, des Bachs oder eben des Flusses besonders passend. Wenn wir das Wasser beobachten, wie es sich um den Fels schmiegt, könnte man meinen der Fels besässe mehr Wirkkraft. Das mag auf den Moment auch tatsächlich der Fall sein, doch mit der Zeit zeigt sich, dass das Wasser sich stetig seinen Weg bahnt und der Fels ihm nach und nach seinen Platz lassen muss. Wu-Wei zeigt sich dadurcha uf wunderbare Weise, nämlich dass wir unserem Weg auch stetig folgen können ohne ständig gegen den Strom schwimmen zu müssen.

Mit meinen Worten hoffe ich dich inspirieren zu können, auf den Moment scheinbar unlösbare Konflikte oder Hindernisse in deinem Alltag aus einer anderen, einer neuen Perspektive zu betrachten. Oft eröffnen sich uns dadurch neue Möglichkeiten, neue Wege, die uns zum Ziel führen. Solltest du dich genauer über den Textabschnitt des Wu-wei informieren wollen, findest du eine gute Erklärung auf folgender Seite: Wu-Wei: Nicht Handeln

0 Comentarios